Tag 12 – Ausgezeichnet schön

Ausgezeichnet schön ist der Weg nach Helford

Coverack – Helford (21 km, 6 Stunden)
Es ist die Freude auf das Weiterlaufen, die mich an diesem Morgen früh aus dem Schlaf weckt. Ready-to-Go sitze ich gegen 10 vor 8 im Frühstücksraum. Neben mir am Tisch Sue und Lin aus Australien. Das junge Rentnerpärchen berichtet stolz, dass sie bereits einen Monat durch Europa gereist sind und noch einen ganzen Monat UK vor sich haben. Als ich ihnen erzähle was mich nach Cornwall geführt hat, sind sie ganz erstaunt wie viele Kilometer ich schon gelaufen bin. Ob sie denn auch einen Teil des Coast Path laufen? – Lach! Nee, wir machen das selbe wie Du nur mit dem Auto. Für das Laufen sind wir nicht so fit. Lach! Wo kommst Du denn her? – Aus Cologne. – Ah, das ist doch in der Nähe von Brüssel oder? – Ja… so ungefähr. – Da wären wir fast auch hingefahren. Mit dem Zug. In Berlin haben wir uns nämlich in den falschen Zug gesetzt und wäre fast nach Frankfurt gefahren. Also in Deine Richtung, Richtung Brüssel. Lach!

Schweren Herzens löse ich mich von dieser erwärmenden Konversation und nehme ihn wieder auf, den Weg.

Vorher natürlich noch: Nahrungsbeschaffung. Diesmal vorsichtshalber etwas mehr. In Helford werde ich mitten in der Einöde landen, besser gesagt auf einem Bauernhof. Mal eben Essen gehen ist da nicht. Zum meinem Glück, denn dafür kann ich mich in dem kleinen Shop am Ausgang von Coverack mit frisch gebackenen Pastys eindecken.

Aus Coverack raus geht es flach am Meer entlang, auf Augenhöhe mit dem Wasser. In der morgendlichen Einsamkeit beschleicht mich der leise Verdacht verfolgt zu werden. Aus der Ferne erkenne ich einen knitterigen Mann in Gummistiefeln. Vielleicht ist das ja ein Serienmörder, der es auf Touristen mit Rucksäcken abgesehen hat? Oder auch nur ein Bauer. Der Krimi von gestern hängt mir wohl immer noch nach… Die paranoiden Gedanken beiseite schiebend, laufe ich weiter. Am Ende des flachen Abschnittes geht es steil hoch zu dem alten Steinbruch „Dean Quarry“. Die kühlen Steine starren fragend mich an. Unheimlich ist es hier. Flüchtend erreiche ich Godrevy Cove und suche den richtigen Einstieg zum Pfad. Wegweiser oder Zeichen sind hier Fehlanzeige. Mit dem Versuch mitten durch den Busch zu laufen, stehe kurz danach knöchelhoch im Matsch, vor mir nur Gestrüpp. War wohl der falsche Weg. Zurück zum Strand und etwas weiter rechts finde ich ihn dann. Von hier aus geht steil hoch ins Innland, mitten durch eine Kuhweide. Nicht dass es nur harmlose Kühe wären, nein: hier mischt sich auch der ein oder andere Bulle mit unter. Mit dem Blick nach unten gerichtet und friedvollen Gedanken haste ich an den Bullen vorbei. Für Beweisfotos ist keine Zeit. Im friedlichen Dörfchen Rosenithon kann ich wieder durchatmen. Das war knapp! Naja, für meine Verhältnisse eben.

Nachdem ich die Felder hinter dem Dorf überquert habe und nun die richtige Straße Richtung Porthoustock suche, spricht mich ein älterer Brite mit Rucksack an, der auch auf dem Coast Path unterwegs ist.

Der junge Rentner stellt sich ganz nach britischer Manier vor. David aus Southhampton. Zusammen rätseln wir wo genau der Weg weiterverlaufen könnte. Für eine Richtung entschieden fragt er mich höflich, ob wir nicht einen Teil zusammen laufen wollen. „Sure, why not?!“ entgegne ich. Froh über einen Gleichgesinnten, tausche ich mich mit David über den Coast Path aus. Als Einheimischer ist der Coast Path ihm mehr als vertraut. Er ist bis jetzt schon den ganzen Weg vom Startpunkt Mindhead gelaufen. Immer in Etappen versteht sich, so wie es die Zeit es eben zulässt. Für den aktuellen Part bis Falmouth hat er sich eine Woche vorgenommen. Und das nächste Mal dann wieder im Herbst. So kann man das auch machen, denke ich für mich, wenn man ein Ziel erreichen will. Stück für Stück.

In Porthallow legen wir eine Rast ein. Tea Time. Normalerweise würde ich jetzt ein Sandwich bestellen und dazu das Wasser aus meinem Trinkrucksack schlürfen. Lasse mich dann aber doch gerne zu Tee und Keksen einladen. Am Hafen knipse ich dann David noch vor dem Schild, das besagt genau hier die Hälfte des Coast Path erreicht zu haben. Ein Beweis fürs Album. Auf dem Weg von Porthallow Richtung Gillan Harbour geht es mitten durch hohe Wiesen wieder am Meer entlang. Als wir um die Ecke von Nare Point biegen, öffnet sich ein traumhafter Blick in die Gillan Bucht. Ein paar kleine Segelboote schwanken friedlich im Wasser. Nah an der Bucht entlang, schlängelt sich der Weg durch ein Wäldchen, von dem man aus immer wieder einen Blick auf das türkisfarbene Wasser werfen kann. Ich bleibe oft stehen, knipse mehr als einmal, so schön ist es hier. In Gillan angekommen, folgen wir dem Tipp aus dem Reiseführer und fragen einen Mann, der gerade dabei ist sein Boot festzumachen, ob es eine Fähre über die Bucht gebe. Leider nicht, aber er könne uns schnell rüber setzen mit seinem Boot wenn wir wollen. Dauert nur fünf Minuten. Ohne viel zu überlegen, nehmen wir das Angebot dankend an. Während er auf die Mitte der Bucht rudert um sein Motorboot zu holen, laufen wir zu einem Steinsteg von dem er uns abholen will. Britische 5 Minuten später, lädt uns der gute Mann in sein geräumiges Bötchen und schippert uns über die Bucht. David und ich sind sichtlich glücklich. Geld will er von uns nicht haben. Dafür bekommt er 1000fache Dankeshymnen.

Das idyllische St. Anthony beeindruckt durch die kleine Kirche mitten im Zentrum. Am Ufer der Bucht  befindet sich ein kleiner Shop mit frischen Getränken, Eis und Souvenirs. Wäre der Tag nicht so kurz, würde ich mich hier einfach noch eine Weile niederlassen und dösen. Doch weiter geht es auch schon. Wir haben noch was vor uns. Von hier bis Helford geht es ähnlich wie in dem Wegabschnitt zuvor dicht an der Meersbucht entlang. Aus einem kleinen Wäldchen wird hier ein größerer Wald voll duftender Wildblumen. Es duftet nach „Wild Garlic“, wie David sagt und ich als Bärlauch erkenne. Unser Weg schlängelt sich weiter durch diesen Zauberwald, der immer wieder von geheimnisvollen Buchten unterbrochen wird. Es gibt soviel zu entdecken und knipsen, dass ich dabei die Schwere des Rucksacks und das Laufen an sich vergesse. Nicht wie am Anfang muss ich auf Steine auf dem Weg achten. Hier geht es nur geradeaus, zwischen den alten Bäumen mit ihren tiefen Wurzeln hindurch. Die erstaunten Ahs und Ohs werden immer mehr.

Offiziell küre ich diesen Abschnitt als das St. Tropez Cornwalls. Genauso voll wie schön ist es hier jedoch auch im Sommer.

Cornwall und insbesondere die Gegend um den Helford River ist bei den Briten sehr beliebt, erzählt mir David. Fast schon zu sehr. Denn mittlerweile verdrängen die britischen Städter beinahe die Einheimischen vom Land. Immobilien werden hier eher als teure Ferienwohnungen anstatt als günstige Hauptwohnungen für Einheimische verkauft. Ich ahne schon, dass in diesem Paradis auch Ärger herrscht.

Nach dem Weg durch das Paradis, kommen wir schließlich gegen 15 Uhr am Parkplatz von Helford an. Das Riverside Café in der angrenzenden Kirche, lädt förmlich für eine abschließende Pause ein. Das Angebot hier ist reichlich: selbstgemachte, frische Sandwiches, Kuchen, kalte und warme Getränke, Obst und Free WiFi. Zugegeben ein Luxus nach knapp vier Tagen ohne Netz. Der kleine Garten vor dem Café gleicht einer Oase. Draußen an einem der Picknicktische unter einem Sonnenschirm, lassen wir den Tag revue passieren. Aus unseren Lobeshymnen ableitend, küren wir die Strecke von Coverack nach Heldorf als die Schönste des Coast Path seit Mindhead. Und das mag was heißen, schließlich hat David schon die erste Hälfte des Coast Path gesehen. Je mehr die Zeit vergeht, desto näher rückt auch der Moment sich zu verabschieden. Schön war es auch mal zu zweit zu laufen. Und besonders diesen schönsten Wegabschnitt mit jemanden teilen zu können. Für die Zukunft tauschen wir noch Email-Adressen. Nice to meet you. Take Care. Wir winken durch die Luft.

Gegen 17 Uhr 30 holt mich Linda Jenkin ab, eine gutgelaunte, temperamentvolle Framersfrau. Mir ihrem Kombi düst sie um die Ecke auf den Parkplatz, empfängt mich lauthals und wirft das Gepäck in den Kofferraum. Als ich immer noch von Glück erfüllt von der heutigen Tour berichte, pflichtet sie mir mit ihrer tiefen, rauchigen Stimme immer wieder bei. „Great, great!“ Das R rollt sie dabei leicht ab. Klingt fast schon schottisch. Das Tempo mit dem wir durch die Kurven düsen ist nicht gerade langsam, dafür hupt sie vor jeder Kurve. Wie in Italien.

Die Unterkunft

Das B&B liegt mitten auf der Rinderfarm der Jenkins. Ein absolutes Highlight im Vergleich zu den Unterkünften bisher. Das Zimmer mit zwei getrennten Betten befindet sich im oberen Stockwerk des alten Familienhauses. Es ist ganz liebevoll und nostalgisch eingerichtet. Gestreifte Tapeten, Kissen mit Rosenmuster und frische Blumen auf dem Nachtisch. Selbst der Holzboden knarrt beim Drüberlaufen. Von dem kleinen Fenster im Erker aus kann man die Rinder beobachten. Was für ein Idyll! Im Bad liebäugelt eine Badewanne mit mir. Wie gerne würde ich jetzt eintauchen, doch für heute sollte eine Dusche reichen. Als Begrüßung wird mir klassisch Tee mit Früchtekuchen im Wohnzimmer serviert. Auch hier säumen Familienfotos der vierten Generation die Wand, gepaart mit alten Möbeln und Familienbesteck. Wie eine feine Dame schlürfe ich den köstlichen Tee und komme mir vor wie in der Zeit versetzt. Ein kleiner Rundgang über den Hof lassen das Landidyll perfekt werden. Ich bin hier mitten auf dem Land! Die Rinder wärmen sich müde in der untergehenden Sonne. Dem schließe ich mich an und lese mein Buch im Garten vor dem alten Bauernhaus.

Das Frühstück

  • Full english oder continental
  • Preis in der Übernachtung enthalten

Der Preis

  • ab 38 £/ pro Person und Nacht mit Frühstück

Das Angebot

  • nostalgisches Zimmer mit zwei Betten
  • eigenes Bad auf dem Flur
  • idyllisch auf einer Rinderfarm gelegen

Anschrift
Mrs L. Jenkin B&B
Homely Farmhouse Accommodation
Landrivick Farm
Manaccan
Helston
Cornwall
Tel: +44 (0)1326 231686

Riverside Café
Helford Chapel, Car park
Helford TR12 6LB
Tel: +44 (0)1326 231893
Angebot: Local Crab Sandwiches, Pasties, Cream Teas, Homemade Cakes, Origin Coffee
Täglich geöffnet von 10 bis 18 Uhr

Alle Bilder dieser Tour habe ich außerdem hier zusammengestellt:
Fotoalbum “Coverack” bei flickr (44 Bilder)

Daniela Klütsch

Hinter Landlinien steckt vor allem das Gesicht von mir, Daniela Klütsch. In meinem Blog Landlinien möchte ich über jene Routen berichten, die ich selber bereist habe. Den Anstoß zu diesem Blog gab mir das Buch „100 legendäre Reiserouten“ und meine Tour auf dem Jakobsweg Anfang 2009. Seitdem schreibe ich hier über das Reisen und Wandern in der Natur. Was mich neben Landlinien sonst beschäftigt, hier mehr über mich.

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  1. Pingback: Rückblick auf den Coast Path | Landlinien Outdoor-Reiseblog

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