Tag 07 – Asphalt unter den Füßen

In den Gassen von Penzance

Heute gehe ich den Tag entspannt an. Keine Eile, keine Hetze. Nur ein Tag Pause. Am Frühstücksbuffet esse ich mich satt und glücklich. Diesmal kommt der Früchtejogurt nicht auf die Hände sondern in die Schüssel. Garniert mit Müsli und frischen Grapefruits: perfekt. Bevor es raus in die Stadt geht, checke ich im Internet noch weiter Unterkünfte. Meine Telefoniererei gestern hat mich zumindest soweit gebracht, dass ich jetzt weiß wie schwierig es sein wird auf den nächsten Strecken eine Unterkunft zu finden. Zum einen steht das Wochenende an, sprich die Unterkünfte sind auch im Visier der Briten. Zum anderen gibt es zwischen Penzance und Mullion nur wenige günstige Unterkünfte. Das Stück bis Marazion und fast auch bis Porthleven kann ich mir sparen, weil es fast ausschließlich an der Strasse lang geht. Ein langes Hin- und Herüberlegen, ausrechnen, schätzen und noch mal überlegen lässt mich am Ende eine gute Lösung finden. Morgen werde ich das Strassenstück bis Porthleven mit dem Bus überspringen, von da aus dann bis Mullion laufen und dann von dort den Bus bis nach Lizard zum Youth Hostel nehmen. Perfekter Plan würd ich sagen!
Während ich im Wohnzimmer über meinen Ausdrucken, Karten und Reiseführer hänge, veranstaltet die Klassenlehrerin der Realschulklasse unterdessen eine Versammlung. Eine sehr konkrete Versammlung. Geladen sind 4 Jungs und 2 Mädels, die offensichtlich letzte Nacht richtig doll Mist gebaut haben. Eingeleitet wird das Treffen mit einem langen Monolog der Lehrerin über Moral, Werte und Vertrauen. Scheinbar geht es unter anderem um das übliche Prozedere, das wohl jeder in dem Alter auf Klassenfahrten veranstaltet hab: bis in die Nacht wach bleiben, die Jungs sind bei den Mädels, die Mädels bei den Jungs… Obwohl ich nicht hinschaue, spüre ich die gelangweilten Gesichter der Teenager. Genau im gegenteiligen Maß an Engagement wie die Lehrerin äußern sich die Schüler nur verhalten zu dem Thema. Nämlich erstmal gar nicht. Dann nuschelnd. Als die Rede von Porno gucken die Rede ist, schäme ich mich sehr fremd in diesem Moment. Muss dann aber lachen. Natürlich nur leise in mich hinein.

Aus dem warmen Hostel zieht es mich in das kühle, frische draußen. Zur Abwechslung nieselt es mal. Nach den heißen letzte Tagen und meinen brennenden Händen eine Wohltat. Um etwa 11 Uhr erreiche in die Innenstadt. Nach einem kurzen Stop zum Geld holen und Prepaidkarte aufladen im Kiosk, schlender ich weiter über die Chapel Street vorbei am Egyptian House zum Tourist Office. Mit dem was ich bisher von Penzance gesehen hab kann ich jetzt schon sagen: das ist keine besonders schöne Stadt. Einfach nur das hässliche, asi britisch. Am Hafen laufen junge Kinder mit ihren jungen Kindern. In einem Fastfood-Restaurant drückt ein kleine Junge seinen mit Schokolade verschmierten Munde und die Hände gegen die Fensterscheibe. Welch entzückender Anblick… Im Touristoffice angekommen erkundige ich mich erstmal nach den Busverbindungen Richtung Lizard und weiteren Unterkünften, die ich vielleicht nicht kenne. Die Dame hinterm Tresen ist jetzt nicht sooo hilfreich. Dafür drückt sie mir 3 Kilo Prospekte in die Arme, die ich nachher in Ruhe bei einem Kaffee lesen werde.

Mit meinem neuen Stadtplan in der Hand tauche ich ein in das geschäftige Treiben. Auf der Market Jew Street entdecke ich die üblich verdächtigen britischen Läden.

Ich kann es nicht lassen und folge dem Sog eines Klamottenladens. Viel Kohle und vor allem viel Platz für viel Shopping hab ich nicht. Aber so ein bisschen geht immer. Angesichts der unerwartet hohen Temperaturen brauche ich etwas Luftiges. Einen Bikini! Den hab ich ganz vergessen. Und wie es aussieht werde ich den hier öfter brauchen als mein Regencape. Biegt man am Ende der Strasse an der Lloyd´s Bank rechts ab in den verkehrsberuhigten Causewayhead, wird es doch noch ganz niedlich. Hier entdecke ich noch das ein oder andere Kuriositätengeschäft. Es macht Spaß sich treiben zu lassen und mit aller Zeit der Welt zu stöbern. Das lenkt mich ab von dem Trübsal der letzten Tage.

Auf meinem Weg durch die Stadt hab ich natürlich meine feinen Nahrungssensoren ausgefahren. Auf der Market Jew Street hab ich einen tollen Sandwich-Shop gefunden. The Terrace. Besonders gemütlich sitzt man im Erdgeschoss auf einem der Plätze an der großen Fensterfront. Bei Sandwich, Tea und gleichzeitigem Regen sind das quasi VIP-Plätze. Es gibt eine riesen Auswahl an frischzubereiteten Sandwiches. Von üppig belegt bis kreative vegetarisch. Vollkommen überfordert mit diesem Angebot entscheide ich mich für das „Special of the Day“: Tuna Sandwich mit verschiedenen Salat und selbstgemachter Frischkäsecreme. Ich kann nur sagen: ein Hochgenuss.
Typischerweise ist mir nach dem kräftigen Sandwich nach etwas Süßem. Und einem Kaffee. Auf meinem Weg durch die Stadt hatte ich ein sehr schönes, traditionelles Café hier um die Ecke entdeckt. Als ich es gerade wieder gefunden hab, muss ich feststellen dass ich nicht die einzige bin, die dieses Café zur Nachmittagszeit im Kopf hat. Es ist bis auf den letzten Platz mit größtenteils einheimischen Omis belegt. Hmm, schade. Bleibt mir nichts anderes übrig als mir ein neues Plätzchen zu suchen. Costa Coffee geht da immer. Dort ergattere ich sogar noch den besten Platz auf der Ledercouch vorm Fenster. Glückstreffer! Mit einem großen Capuccino und einem großen Chocolate Muffin, lasse ich mich in die Couch fallen. Für den Rest des Nachmittages lasse ich es mir hier gute gehen und lese mich durch die Prospekte. Schön ist das.

Bald werde ich schon müde. Und ich sehne mich zurück in die Natur, zurück auf den Weg. Ich will mich bewegen, will weiter laufen. Im Hostel esse ich noch lecker eine Kleinigkeit zu Abend (Soup of the day) bevor ich in meinem Zimmer den Rucksack für morgen packe. Alle Klamotten sind frisch gewaschen und warten nur darauf wieder dreckig zu werden. Trotz stundenlangem Lesen in meinen Prospekte und Reiseführerin, trotz ebenso langem Planen der nächsten Etappe bin ich unruhig. Ich zweifele daran, ob alles so auch gut geplant ist. Oder ob es zuviel geplant ist. Mir wird bewusst wir knapp meine Zeit für einen so langen Weg ist. Es fällt mir schwer mich damit anzufreunden, dass ich eben nur einen Teil davon sehen kann.
In Gedanken versunken spricht mich meine Zimmernachbarin an. Sie zeigt auf meine Schuhe: „Du läufst auch?“ Froh über die Ablenkung erzähle ich ihr von meiner bisherigen Tour und meinem weiteren Vorhaben. Die Niederländerin hat ihre Reise gerade erst begonnen und hat nun noch knapp weitere 4 Wochen vor sich. In der zeit will sie ausschließlich mit dem Bus, der Bahn und zu Fuß durch das Land touren. Einschließlich Wales. Von Hostel zu Hostel. Schnell sind wir uns einig, dass Großbritannien ein sehr teures Land ist, um über einen längeren Zeitraum dort zu reisen. Sehr schade ist das, gerade weil es hier so schön ist. Doch das nutzt ja alles nichts, wenn man den Moment nicht genießen kann. Besonders der Tag heute hat mir gezeigt, dass man sich manchmal Zeit nehmen muss um die schönen Dinge zu begreifen. Bevor ich zum Abend langsam dahin döse, kreisen immer wieder die selben Worte in meinem Kopf. Sie werden mich auch noch den nächsten Tagen begleite: „Take your time.“

Café in Penzance
The Terrace
15 Market Jew St
Penzance
TR18 2HN
Tel: +44 (0)1736 364604 ‎

Alle Bilder dieser Tour habe ich außerdem hier zusammengestellt:
Fotoalbum “Penzance” bei flickr (13 Bilder)

Daniela Klütsch

Hinter Landlinien steckt vor allem das Gesicht von mir, Daniela Klütsch. In meinem Blog Landlinien möchte ich über jene Routen berichten, die ich selber bereist habe. Den Anstoß zu diesem Blog gab mir das Buch „100 legendäre Reiserouten“ und meine Tour auf dem Jakobsweg Anfang 2009. Seitdem schreibe ich hier über das Reisen und Wandern in der Natur. Was mich neben Landlinien sonst beschäftigt, hier mehr über mich.

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