Tag 03 – Mit einem Schritt fängt alles an

Ein Blick zurück nach St.Ives

St. Ives – Zennor (11 km, 4 Stunden)
Mein erster Wandermorgen. Mein erster Tag auf dem „South West Coast Path“. Von jetzt lass ich Stück für Stück hinter mir. Lass gerade noch Entdecktes im nächstem Moment zu Vergangenem werden. Ich bin auf dem Weg. An diesem Samstagmorgen um 8 Uhr 30 ist das Städtchen erstaunlich schläfrig. Einzig die Ladenbesitzer und Pastybäcker fegen vor und in ihrem Läden, machen sie hübsch für die Touristen. Strammen Schrittes schreite ich an ihnen vorbei, nehme den bekannten Weg über die Fore Street Richtung „Tate Gallery“. Dahinter finde ich den Einstieg auf den Path. Noch ein Blick zurück auf St. Ives. Die Sonne strahlt mir entgegen.

Wieder treffe ich auf die Bänke-für-jemanden. Die metallenen Schilder auf den Bänken verraten wer dieser Jemand ist. Vielmehr war. In dem Moment des Lesens ist es, als sei man für einen Moment bei Ihnen. Ein Moment im stillen Gespräch. Wie Grabsteine aus Holz zum Sitzen, mit dem Blick aufs Meer. Da wo derjenige früher selber gesessen und geblickt hat. In Gedanken bei den vielen Jemands, laufe ich langsam weiter. Frage mich, wo ich gerne meine Bank stehen hätte. Was ist mein liebster Ausblick, mein liebster Ort? Schwer zu sagen, weil es eher viele sind. Kaum dass ich sitze, laufe ich oft schon weiter. Gedanken kreisen um das Sitzen, das Ruhen, das Aufstehen, das laufen. Ich laufe so weit bis ich keine Wegmarkierung finden kann und nicht mehr weiß wo lang ich laufen soll. Das ist nach etwa 200 Metern ab Wegbeginn… Ok, dafür habe ich ja meine Wanderkarte. Leicht irritiert versuche ich die vielen Linien irgendwie voneinander zu trennen und markante Punkte auf der Karte mit meinem Umfeld abzugleichen. Klappt nicht. So schwer kann es doch garnicht sein: ich muss immer der Küste lang! Aber eher oben rum oder unten rum? Nicht dass ich im Gestrüpp lande oder von einer Klippe falle. Die raue Landschaft, die vielen Steine, die etlichen möglichen Trampelpfade machen es nicht leichter. In der Ferne sehe ich zwei Wanderer nachrücken. Meine Rettung! Den hinteren der beiden frage ich ganz unbeirrt nach dem Weg: „Is this the right way to Zennor?“ Und zeige nach rechts, zur Küste hin. „Yes, yes.“ sagt der Brite leicht verwundert, dass jemand am Anfang des Weges nach dem Weg fragt. Meinen Scham überspielend witzele ich, dass ich ihm dann mal unauffällig folgen werden. Verbuche ich unter Anfängerbonus.

Langsam wird mir klar, warum ausdrücklich empfohlen wird an einem Tag nur bis Zennor zu laufen.

Dem Wanderer folgend, führt mich der Weg weiter. Immer wieder runter und dann wieder hoch. Zwischen gelb blühenden Ginsterbüsche und Erikakraut. Über Steine, Felsen und Matsch. Meine unteren Hosenbeine sind schon nach dieser kurzen Strecke völlig verdreckt. Immer wieder halte ich zwischendurch an, um durchzuatmen, zu pausieren. Die Strecke ist viel schwerer als ich erwartet hab. Kein bequemes, flaches laufen wie auf dem Jakobsweg. Auf, ab, auf, ab, auf ab. Beine tuen weh, Rucksack ist schwer. Ich könnte mich jetzt auch einfach hier niederlassen und mich auf der Klippe mit Blick auf das Meer schlafen legen. Zu lange darf ich hier aber nicht warten. Sonst läuft mir noch mein Wegweiserwanderer davon und dann verlauf ich mich. Also weiter.

Endlich: eine Bank in Sicht! Zeit für eine Pause. Schließlich habe ich bis jetzt etwa die Hälfte der Strecke hinter mich gebracht. 3,5 Meilen, das sind ja dann ungefähr 5,25 Kilometer. In zwei Stunden. In zwei Stunden? Das ist ja Schneckentempo? Wie soll ich denn so den ganzen Weg schaffen? Schluss damit: heute ist mein erster Tag. Jetzt genieße ich erstmal meine wohlverdiente Pause.
Auf der Bank sitzen auch die beiden Wanderer, denen ich, hoffentlich unauffällig, gefolgt bin. Wir kommen schnell ins Gespräch und tauschen dir üblichen Wanderdaten aus: Wo bist Du gestartet? Bis wohin läufst Du? Wie lange wirst Du unterwegs sein? Ich bin sehr erfreut, ja so kann man es sagen, dass die beiden auch eine längere Strecke am Stück laufen. Also bin ich nicht die einzige mit diesem Vorhaben. Sie laufen beide das Teilstück von St. Ives bis Falmouth. In einer Woche. Genau die Strecke hatte ich mir auch ausgerechnet. Also dürfte das wohl gut zu machen sein. Nur bin ich erstaunt darüber, dass sie sowenig Gepäck mit sich tragen. „Da seid ihr aber wirklich schlau gewesen nicht soviel mit Euch zu tragen!“ „Ach das, das ist nur unser Tagesgepäck. Der Rest wird mit dem Luggage Transfer zur nächsten Unterkunft gefahren.“ Ahhhh, verstehe… Schummelwanderer. Nee Freunde, nicht mit mir als erfahrenen Pilgerin. Ich trage fleißig all mein Hab und Gut mit mir. Und wenn ich dabei umkippe!

Motiviert von der alleinigen Tatsache, dass es bis zu meinem (heutigen) Ziel genauso viele Meilen sind wie bis jetzt zu dieser Bank, laufe ich fröhlich weiter. Da lässt es sich auch (einigermaßen) ertragen, dass es wieder nur bergab und bergauf geht. Mein Wegweiserwanderer läuft mir nun davon. Egal.  Ich hab ja nur noch geschätzte zwei Stunden vor mir. Lange bleibe ich außerdem nicht allein. Ein jüngerer Brite mit großem Rucksack beladen mit Zelt, Schlafsack und Matte (Das lobt ich mir, Pilgerbruder!) überholt mich. Danach ein Paar ohne Rucksack. Dann zwei Schweden und ein kleiner Rucksack. Und dann noch mindestens vier bis sechs weitere Wanderer. Und dann bin ich wieder allein. Stoppe an der Abbiegung nach Zennor, während die Anderen in der Ferne für heute noch lange nicht angekommen sind.

Ankunft 13 Uhr. Ort: Zennor. 4 Stunden, inklusive Pause, für 11 Kilometer. Und ich bin fix und alle. Das kann ich doch keinem erzählen! Noch einmal buchen auf Anfängerbonus bitte. Ab hier sind es weitere 11 Kilometer bis Pendeen, meinem anvisierten nächsten Ziel für morgen. Am zweiten Tag genauso viele Kilometer laufen wie am ersten? Vielleicht laufe ich doch eine Etappe weiter. Mal sehen. Für heute sind mir der heiße Kopf und der schmerzende Nacken genug Grund um zu pausieren. In Zennor empfängt mich ein bezauberndes kleines Dörfchen mit einer beschaubaren Anzahl an Häuschen. In nicht mal 20 Minuten bin ich einmal rum. Wobei ich langsam schlurfe.

An die alte Mauer der Kirche gelehnt und mit Blick auf die Hauptkreuzung, lese ich in meinem Reiseführer*. Besser gesagt in den zerknüllten Kopien der wichtigsten Seiten meines Reiseführers. Spart Gewicht! Der einzige Pub im Ort, „The Tinners Arm“, zieht damals wie heute viele Besucher an. Damals, Anfang des 20. Jahrhunderts, sollen H. D. Lawrence und seine Frau Frieda von Richthofen regelmäßig im „The Tinners Arm“ eingekehrt sein.

Sie verbrachten etwa 1,5 Jahre in Zennor. Eben so lange bis beide des Landes Cornwall verwiesen wurden.

Sie verbrachten etwa 1,5 Jahre in Zennor. Eben so lange bis beide des Landes Cornwall verwiesen wurden. Wegen vermeintlicher Spionagetätigkeiten. Ihnen wurde 1917 vorgeworfen feindlichen U-Booten Lichtsignale von der Küste aus geschickt zu haben. Als trotzige Reaktion auf diese Beschuldigung, sangen die beiden daraufhin abends lauthals deutsche Volkslieder im Pub. Bis sich, natürlich, der Nachbar beschwerte. Und die Polizei rief. Und diese dann das Spionagepärchen ins Hinterland versetze. Die Erinnerungen an diese Zeit veröffentlichte H. D. Lawrence später in seinem englischsprachigen Roman „Kangaroo“. Spannend! Und stehe genau da, wo es damals war.

Mein Hostel „The Old Chapel“ liegt direkt neben dem geschichtsträchtigen Pub. Beeindruckend steht sie da, die alte Kirche. Einfach umgebaut in ein Hostel. Da tun sich die Briten eben leichter mit als die Iren. In freudiger Erwartung auf eine erfrischende Dusche und ein weiches Bett, betreten ich das Innere der Kirche. Das warme Gelb der Wände strahlt mich ebenso freudig an wie die Sonne draußen. Und das Lächeln der jungen Frau hinter der Theke. „Can I help you?“ Ja ich habe gestern eine Nacht gebucht und bin jetzt da. Oh, da sei ich aber etwas früh dann, antwortet sie mir, leicht überrascht. Erst ab 17 Uhr kann man normalerweise in die Zimmer und in die Duschen. Da ich aber scheinbar der einzige Übernachtungsgast bin, macht sie eine Ausnahme. Mein Gepäck kann ich in dem 6-Bett-Zimmer verstauen, alles ablegen, mir frische Sachen anziehen, durchatmen. Nur die Duschen sind erst ab 17 Uhr zugänglich. Dann schließt auch das Café. Denn tagsüber ist „The Old Chapel“ ebenfalls Café, öffentlich für jedermann. Mit grandiosem selbstgebackenen Kuchen. Doppelstöckig. Und frische Sandwiches und Baguettes. Und „Jackes Potatoe“. Und „Soup of the Day“. Und ganz vielen leckeren Kaffeevariationen. Doch von all dem gibts nichts für die Danni. Denn die Danni hat sich ja schon im Supermarkt St. Ives reichlich mit Lebensmitteln eingedeckt, aus Angst später verhungern zu müssen. Und diese vielen und durchaus schweren Lebensmittel, hat die Danni dann Meter für Meter nach Zennor geschleppt. Um dann dort festzustellen, das dies völlig unnötig war, weil es dort eben diese vielen Leckereien gibt. Learning: Nie mehr Essen für den Abend kaufen! Wir sind hier in Cornwall, England, Europa. Wo ein Dorf auf das andere trifft in nicht mehr als 5 Kilometern Entfernung. Hier verhungert niemand. Und die Danni auch nicht.
Auch wenn die Verlockung sehr groß ist von einem der leckeren Dinge der Tageskarte zu kosten, muss ich das Essen essen, das aus dem Rucksack kommt. Mehr Möglichkeiten gibt es nicht. Weiter schleppen am nächsten Tag? Auf gar keinen Fall. Im Mülleimer verschwinden lassen? Kommt nicht in Frage. Also gebe ich der Kopfdanni nach und verdrücke, schämend versteckt auf der Bank vorm Haus, das trockene Baguette mit grob geschnittenen Stücken Cheddar Cheese. Und Dosennudelsalat. Delicious…

Nach meinem delikaten Mahl, gönne ich mir dann doch eine Hot Chocolate mit Marshmallows. Ganz schön müde sacke ich auf einen der beiden Couchen. Auf der gegenüberliegenden Couch verweilt ein Pärchen, fröhlich lächelnd als mich setze. Auch sonst ist „The Old Chapel“ gut besucht. Von Tageswanderern (erkennbar am kleinen Rucksack) bis zu den Omi-besten-Freundinnen, die sich zum quatschen und Scones essen treffen. Kaum sitze ich, spricht mich das Pärchen auch schon neugierig an. Wo ich denn herkomme? Wie viel ich den heute gewandert bin? Bis Plymouth willst Du laufen? Toll! Wie es mir denn in Cornwall gefällt? Ob ich „The Old Chapel“ genauso entzückend finde wie sie? Natürlich stößt ihr Interesse bei mir auf Gegeninteresse. Ich frage sie mit der selben Offenheit wie sich mich gefragt haben, nach ihrem Urlaubsplänen. Beiden wohnen eigentlich in Wales und sind nur für ein verlängertes Wochenende hier. Also in St. Ives. Heute sind sie ein Teil an der Küste lang gelaufen, von Zennor aus. Und diese kurze Rundtour hat sie schon so sehr geschafft, dass sie jetzt gar nicht mehr von der Couch hochkommen. (An diese Stelle fühle ich mich wahnsinnig sportlich mit meinen 11 Kilometern.) Schwärmend beschreiben sie mir wie der Coast Path in Wales aussieht. Von der Landschaft ganz ähnlich rau wie hier. Nur das Wasser, das ist hier viel blauer. In Wales ist es eher grün. Ein bisschen scheine ich sie an ihren Sohn zu erinnern, der nach der Schule auch alleine gereist ist. Aber für ein ganzes Jahr in Australien. Das sei eine ganz tolle Erfahrung für ihn gewesen und wenn man noch jung ist und die Möglichkeit hat solle man das auf jeden Fall machen, rät mir die Mutter. Gestärkt von diesen Worten, der Offenheit zweier Fremder und der lobenden Anerkennung meiner heutigen Leistung, schmeckt meine Hot Chocolate wie das beste Getränk seit Erfindung der Flüssigkeit.

* Reiseführer: „Cornwall & Devon“, Michael Müller Verlag, Ralf Nestmeyer, 2008

Die Unterkunft

„The Old Chapel“ ist eine liebevoll umgebaute Kirche, mitten im kleinen Zennor gelegen. Noch nicht mal einen Kilometer entfernt vom Coast Path, erreicht man das Hostel. Tagsüber bis 17 Uhr ist „The Old Chapel“ gleichzeitig öffentliches Café mit einer Vielzahl an ganz köstlichen, gesunden und selbstgemachten Leckereien. An den vielen kleinen Details erkennt man die Liebe des Familienunternehmens zu der alten Kirche. Nach der anstrengenden Wanderung wird „The Old Chapel“ wie zu einem zu Hause.

Das Frühstück

  • von 8.00 bis 10.00 Uhr
  • English und Continental Breakfast
  • alle Zutaten sind als Büffett angeordnet: Selbstbedienung
  • außerdem gibt es einen Gemeinschaftskühlschrank

Der Preis

  • 17,50 £/ Person und Nacht
  • 4,50 £/ Frühstück

Das Angebot

  • mehrere Mehrbettzimmer
  • Waschbecken und Heizung in jedem Raum
  • getrennte Duschen und Toiletten (nach Mann und Frau)
  • Bettwäsche inklusive (aber keine Handtücher)
  • Waschmaschine und Trockenraum vorhanden
  • kostenloses W-Lan
  • großer, gemütlicher Aufenthaltsraum (mit TV und Bücherecke)
  • Campingmöglichkeiten

Anschrift
The Old Chapel
Zennor
St. Ives
Cornwall
TR26 3BY
Tel: +44 (0)1736-798307
www.backpackers.co.uk/zennor

Alternativen
The Tinners Arm
Bed & Breakfast
Tel: +44 (0)1736-796927
sleep@tinnersarms.co.uk
www.tinnersarms.com
www.cornwall-online.co.uk/tinnersarms-zennor

Einzelzimmer ab 50.00 £
Doppelzimmer ab 90.00 £

Alle Bilder dieser Tour habe ich außerdem hier zusammengestellt:
Fotoalbum “St. Ives – Zennor” bei flickr (15 Bilder)

Daniela Klütsch

Hinter Landlinien steckt vor allem das Gesicht von mir, Daniela Klütsch. In meinem Blog Landlinien möchte ich über jene Routen berichten, die ich selber bereist habe. Den Anstoß zu diesem Blog gab mir das Buch „100 legendäre Reiserouten“ und meine Tour auf dem Jakobsweg Anfang 2009. Seitdem schreibe ich hier über das Reisen und Wandern in der Natur. Was mich neben Landlinien sonst beschäftigt, hier mehr über mich.

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Rückblick auf den Coast Path | Landlinien Outdoor-Reiseblog

  2. Hallo Danni!

    Meine Freundin und ich starten in 12 Tagen auch nach Cornwall. Beim Stöbern im
    Internet bin ich auf dein Reisetagebuch gestoßen!
    Große Klasse und sehr amüsant und informativ zu lesen.
    Freuen uns schon wie verrückt und jetzt sogar noch mehr,

    viele Grüße
    Simone

  3. Hallo liebe Simone,

    oh wie schön, dass ihr die Tour vor habt und auf meinem Blog gelandet seid!

    Ich hoffe ich konnte Euch mit meinen Berichten bei der Vorbereitung etwas helfen. Geht ihr denn auch dort wandern? Oder seid ihr mit dem Auto unterwegs? Mich würde mal sehr interessieren wie es dort jetzt im Herbst ist… geb doch mal bescheid wenn ihr zurück seid. Das würde mich sehr freuen! Und esst einen Carrot Cake für mich mit 🙂

    Liebe Grüße aus Köln
    Danni

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