Tag 09 – Oben am Bergkreuz

Oben am Bergkreuz

Fuenterroble de Salvatierra – San Pedro de Rozadas (28,7 km)
Was für ein Erlebnis, das gemeinsame Essen am letzten Abend. Danach bin ich vollgefressen in unser mittlerweile noch muffigeres Schlafgemach gefallen. Schnell noch Ohropax rein, Augen zu und schlafen. Mitten in der Nacht wache ich geplagt von Magendrücken und Übelkeit auf. In Kombination mit dem muffigen Geruch von leicht feuchten Stinkesocken und der abgestandenen Luft des vollen Schlafraums, drehen sich meine Gedanken nur ums Erbrechen. So im Halbschlaf kämpfe ich noch mit mir einfach nur liegen zu bleiben und das Brechgefühl zu überschlafen. Nach mehreren Versuchen gebe ich auf. Vorsichtig klettere ich von meinem Hochbett runter, tippele zwischen schlafenden Pilgern ins eiskalte Bad. Jegliche Tricks helfen nicht: alles bleibt drin, auch die Übelkeit. Ich spiele mit dem Gedanken mich mit meinem Schlafsack einfach auf den kalten Boden im Gemeinschaftsbad zu legen. Wenn ich aber daran denke, dass am nächsten morgen alle um mich herum ihr auf Toilette gehen, wird mir noch schlechter. Ich muss zurück in die Stinkebude. Die Hin-und-Her-Gedanken wo ich jetzt am Besten schlafen soll, machen mich schläfrig bis ich darüber einschlafe.

Am nächsten morgen kann ich es kaum abwarten so schnell wie möglich die Herberge zu verlassen. Ich bin die Erste, die wach ist. Schnell ins Bad bevor alle hier reinstürmen. Zum Frühstück gibt’s diesmal nur Obst und Actimel. Ab jetzt höre ich auf soviel zu fressen. Vor allem nie wieder so spät abends und dann noch zwei Café hinterher. Ab jetzt wird diätet!

Der Regen hat sich gelegt, die Sonne zeigt sich, ideales Wetter um unsere nächste Tour zu schaffen. Heute geht es bergauf, richtig bergauf bis zum Bergkreuz (1.100 Meter hoch). Außerdem wieder eine etwas längere Tour von knapp 29 Kilometern. Trotzdem mache ich mir nicht mehr so viele Gedanken darüber wie am Anfang unserer Reise. Es kommt wie es kommt (wie der Kölner auch zu sagen pflegt). Warum soll ich mir jetzt schon Gedanken über den Anstieg machen wenn ich in diesem Moment flach geradeaus laufe? Wir laufen circa 5 Kilometer auf einem flachen, langen Feldweg zwischen weiten, in Steinmauern eingerahmten Viehweiden. Unser Ziel liegt offen und immer sichtbar vor uns: die mit Schnee bedeckten Berge. Es scheint noch vollkommen unwirklich, dass wir heute über genau diese Berge laufen werden. Einmal über sie drüber zu dem Ort, der versteckt genau hinter ihnen liegt. Unwirklich, dass wir am späten Nachmittag schon zurückblicken auf die Berge, die dann hinter uns liegen werden.

Am Ende des flachen Feldweges und am Anfang des Berges, erreichen wir das erste Bergkreuz. Dort machen wir eine kurze Frühstückspause und stärken uns für den Anstieg. Die ersten Pilger holen auf und ziehen motiviert an uns vorbei. Wir ziehen langsam nach. Von nun an geht es nur noch bergauf. Am Anfang noch teilweise flach, teilweise steil. Und dann nur noch mit Blick nach oben. Nach circa einer halben Stunde erreichen wir wieder ein hölzernes, schweres Bergkreuz. Ich bin erleichtert, weil ich denke, dass dies DAS Bergkreuz ist, von dem auch im Reiseführer die Rede ist. Dann hätten wir den höchsten Punkt schon erreicht und würden ab jetzt nur noch bergab laufen. War ja leichter als ich anfangs gedacht hab. Die nachkommenden Pilger nehmen mir jedoch die Hoffnung. Alle drei Reiseführer (englisch, französisch, deutsch) führen zum selben Ergebnis: vor uns liegt noch mindestens eine halbe Stunde Anstieg bis zum richtigen Bergkreuz. Manno, ich war innerlich schon angekommen. Und jetzt muss es weiter gehen.

Windräder säumen die Bergkante bis hoch zum Bergkreuz. Unser Weg nach oben verläuft parallel zu ihnen. Es geht steil und gleichzeitig schräg über Geröll und dicke Steine. Ich schleppe mich von Stufe zu Stufe, den Blick zur Seite abgewandt damit mir der Anstieg nicht so steil vorkommt. Dabei bleibe ich immer wieder stehen, blicke zurück, ärgere mich über den nervigen Berg und laufe weiter. Als die Bäume sich langsam lichten, erreiche ich auch endlich das Ziel. Mir ist erstmal nach durchatmen, Rucksack ablegen und Wut über den nervigen Berg rauslassen. Hier oben ist es sehr windig und kalt. Kein gemütlicher Ort um zu rasten und sich eine verdiente Pause zu gönnen. Und dann fängt es auch noch an zu nieseln. Kaum abgesetzt, setze ich jetzt den Rucksack wieder auf. Kaum oben, setzen wir unseren Weg runter fort. Die fehlende Pause verursacht schlechte Laune und Hunger. Stillschweigend setze ich den Weg nach unten fort. Meine Begeisterung den Berg erklommen zu haben hält sich in Grenzen. Müsste ich mich jetzt nicht viel besser fühlen? Von wegen ab jetzt geht es nur noch bergab. Kaum haben wir den Abstieg des Berges hinter uns, liegt eine endlos lange Teerstrasse bergauf vor uns. Dazu nieselt es jetzt schon durchgehend. Keine Lust und Gelegenheit für eine Pause. Mit Blick auf den Teerhügel geht es immer nur geradeaus auf Asphalt. Und hinter dem Hügel, liegt wieder eine lange Strasse, die zum einem weiteren Hügel führt. Es geht immer so weiter. Stillschweigend, keine Lust zu reden im Regen. Dröge, langweilig, zäh.

In unserem stillen Laufen unterbricht eine Schweinefarm unsere Gedanken. Oder eher die Schweine. Auf einem großen, schlammigen Feld neben der Strasse tummeln sich zahllose schwarze Schweine im Matsch. Neugierig grunzen und glotzen sie uns an. Unser Hunger lässt uns böse Phantasien schmieden, auf welche Art wir jetzt am Liebsten Schweine verspeisen würden. Aufgeladen mit positiven Gedanken, an köstliches Essen in allen möglichen Varianten, geht es motiviert weiter. Und da endlich: nach dem dritten Hügel geht es links ab parallel zu einer Baumreihe Richtung San Pedro. Weg von Teer und Asphalt, wieder mitten in der Natur und Weiden. Auch der Regen hat sich gelegt und wird von der Sonne abgelöst. Nach circa einer halben Stunde über den Naturhügel, erreichen wir das ausgestorbene San Pedro. Nach der Nacht in dem muffigen Großraumschlafsaal, ist uns heute nach mehr Komfort und Ruhe. Neben der örtlichen Herberge, gibt es noch das „Office de Tourismo“, ein scheinbar erst kürzlich fertig gestellter Neubau. Ganz chic und neu hier drin. Die Besitzerin hat noch ein Doppelzimmer für uns frei: hohe Decken, rustikale dunkle Möbel und frische Bettwäsche. Überhaupt riecht hier alles so ganz frisch renoviert und gewaschen. Nach der langen, nassen Tour heute wirklich ein Segen. Nach einer ausgiebigen, heißen Dusche kuschel ich mich ins Bett und ziehe die Decke bis unter die Nase. Draußen fängt es plötzlich heftig an zu donnern und zu regnen. Ein kurzer Blick zwischen den zugezogenen Vorhängen hindurch verrät das Übel da draußen. Wie gut, dass wir hier direkt eingekehrt sind und nicht noch auf die Idee gekommen sind weiterzulaufen. Sorglos ziehen wir die Vorhänge wieder zu und schlummern dahin ins Traumland…

Daniela Klütsch

Hinter Landlinien steckt vor allem das Gesicht von mir, Daniela Klütsch. In meinem Blog Landlinien möchte ich über jene Routen berichten, die ich selber bereist habe. Den Anstoß zu diesem Blog gab mir das Buch „100 legendäre Reiserouten“ und meine Tour auf dem Jakobsweg Anfang 2009. Seitdem schreibe ich hier über das Reisen und Wandern in der Natur. Was mich neben Landlinien sonst beschäftigt, hier mehr über mich.

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